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Der Abschaum von Paris

Vernon Subutex versucht den Anschein zu wahren. Obwohl er vor ein paar Wochen ein Obdachloser geworden ist, will er nicht aussehen wie ein Loser. Er kommt bei Freunden unter, dann bei ehemaligen Freunden, schließlich bei zukünftig ehemaligen Bekannten: bei einem prügelnden Ehemann, einer ehemaligen Pornodarstellerin, einem Investmentbanker. Die Geschichte eines Abstiegs in der Pariser Gesellschaft, die egal ob ganz oben oder ganz unten, überall widerwärtig ist. Kapitelweise wechselt die Erzählperspektive. Despentes steckt den Leser in die Haut der abstoßendsten Gestalten, die immer entweder sich selbst verachten, die Gesellschaft oder beides.

Buchcover ›Das Leben des Vernon Subutex‹Ich frage mich, ob man Das Leben des Vernon Subutex als Roman bezeichnen darf. In ihrer Vernon-Trilogie erzählt die französische Autorin Virginie Despentes, wie der ehemalige Plattenladenbesitzer sich durchschlägt, nachdem er aus seiner Wohnung fliegt. Wobei sie gar nicht so viel davon erzählt. Der Plot auf den knapp 400 Seiten des ersten Bandes ist überschaubar. Statt einer Abfolge von Aktionen malt Despentes eher ein Gemälde der Pariser Gesellschaft. Das Leben des Vernon Subutex liest sich deshalb fast wie eine Kurzgeschichtensammlung mit einer rahmenden Meta-Erzählung. Gestört hat mich das kein bisschen.

»Sich verändern heißt immer einen Teil von sich zu verlieren.« Despentes’ Charaktere haben sich verändert. Sie blicken verbittert auf ihr Leben. Sie scheinen alle ausgerechnet den guten und hoffnungsfrohen Teil verloren zu haben. Ein derbes Buch für das kleine Abkotzen zwischendurch.

Virginie Despentes – Das Leben des Vernon Subutex, Köln 2017, 398 Seiten.

In Deinen Mund gedacht

Als Kind war ich gefangen in der Virtual Reality. Die quadratischen Pflastersteine des Gehwegs waren entweder sichere Stege oder auf keinen Fall zu betreten – je nachdem ob sie hellgrau oder bläulich dunkelgrau waren. Wovon die Gefahr ausging – waren es Krokodile? – ich weiß es nicht mehr. Fest eingeprägt hat sich bei mir aber, die hellen Steine zu überspringen oder einen Umweg in Kauf zu nehmen, damit meine Sohlen auch ja nur die dunklen Steine berühren.

Buchcover "Nachts die Schatten" von Helwig ArenzKinderphantasien sind toll, weil es niemandem etwas ausmacht, dass sie objektiv unwahr sind. Nachts die Schatten von Helwig Arenz ist toll, weil es nichts ausmacht, wenn die Erzählerstimme plötzlich
offensichtlich Unwahres berichtet. Die Übergänge zwischen Real- und Phantasiewelt sind sogar die besten Stellen des Romans.

Georg ist ein Pubertierender. Er ist ein stiller, ein unsicherer Jugendlicher. Er entdeckt seine Sexualität, hat mal hilfreiche, mal anstrengende Brüder und seine Eltern sind seltsam – klassische Coming-of-Age-Themen. Mich hat nicht sosehr der Plot gefesselt, sondern eher einzelne Szenen. Als zum Beispiel der Vater einen Gedanken in den offenen Mund der Mutter hineindenkt. Oder als Georg mit dem Auge scharfstellt und mit dem Herz abdrückt. Michel Gondry mit seinen extravaganten Kulissen und Requisiten wäre der richtige, um diesen Roman zu verfilmen.

Ein Roman mit viel Feingefühl, ein guter Beobachter der menschlichen Unsicherheiten. Über die ein oder andere Länge muss man hinweglesen. Aber das gelingt.

Soll ich jetzt noch erzählen wie ich Gedankenphotos schieße? Ein andermal vielleicht.

Helwig Arenz – Nachts die Schatten, Cadolzburg 2017.

Schwere Leichtigkeit

Vor zwei Jahren, am 7. Januar 2015, saß ich in einem Pariser Kellerraum in einer Pressevorführung des Stephen Hawking-Biopics, als zwei Attentäter in den Redaktionräumen der Satirezeitung Charlie Hebdo elf Menschen töteten und weitere verletzten. Ich kann mich daran erinnern, wie mir als ich auftauchte auffiel, dass vor dem Radiosender Europe 1 ein beachtliches Polizeiaufgebot stand. »Der Präsident ist wahrscheinlich zu Gast«, spekulierte ich im Stillen.

Vor zwei Jahren, am 7. Januar 2015, verschlief die Charlie Hebdo-Zeichnerin Catherine Meurisse. Sie kam zu spät zur Redaktionssitzung. Sie war nicht im Haus, als ihre Freunde und Kollegen getötet und verletzt wurden. Aber verletzt wurden an diesem Tag nicht nur Menschen, die im Haus waren.

Das Buchcover von "Die Leichtigkeit" von Catherine MeurisseCatherine Meurisse beschreibt in ihrem grafischen Essay Die Leichtigkeit was der Anschlag auf Charlie Hebdo mit ihr gemacht hat. Sie erzählt, wie sie an Tag eins nach dem Anschlag dachte, sie würde nie wieder zeichnen. Sie erzählt, wie ihr der Personenschutz gehörig auf den Keks ging oder wie ihr die Therapie half.

In den Tagen nach der Attentat auf Charlie Hebdo standen nicht nur bei Europe 1 Polizisten mit automatischen Gewehren vor der Tür. Auch mein täglicher Weg ins Gebäude von Radio France Internationale führte mich stets an zwei Uniformierten vorbei. Ein besseres Gefühl hatte ich deshalb nicht. Auch nicht, als ich noch Monate später jeden Tag an einer Straßenkreuzung in Straßburg genauso martialisch bewaffnete Beamte passierte, die dort neben einer Synagoge stationiert waren. Es ist eine Floskel geworden aber Frankreich hat sich verändert durch den 7. Januar 2015.

Zumal die Charlie-Attacke nicht das letzte Ereignis war, das das Land schockiert hat. Auf einer Seite der Leichtigkeit steht Catherine Meurisse in der Nähe des Bataclan auf der Straße, auf der es von Blaulichtwägen wimmelt, und denkt: »Willkommen auf meinem Planeten.« Vielleicht ist es tatsächlich die Leichtigkeit, die in Frankreich durch die Terroranschläge verlorengegangen ist.

Doch was man verloren hat, muss man suchen. Das tut Meurisse. Sie lässt sich helfen und leiten von Freunden und von Proust, Stendhal und von der Anmut antiker Statuen. Sie ist auf der Suche nach der Schönheit und findet im Alltag und in der Kunst doch immer nur Metaphern des Massakers.

Ich habe meine Geschichte des 7. Januars 2015. Denn es gibt Ereignisse, bei denen wir uns erinnern wo wir waren, als sie passierten. Weil sie uns betroffen machen. Wie es den wirklich Betroffenen geht, wissen wir deshalb noch lange nicht. Im übrigen weiß ich das nach der Lektüre der Leichtigkeit immer noch nicht. Trotzdem ist dieses Buch ein beeindruckender Einblick in ein Seelenleben nach einem Seelenbeben. Ich finde, es sollte uns Demut lehren, wenn wir von unserer Betroffenheit sprechen. Das Motto Je suis Charlie ist ohne Frage ein Zeichen der Solidarität. Aber der Satz, den damals fast alle in den Mund genommen haben, ist beim Wort genommen auch eine Anmaßung.

Catherine Meurisse – Die Leichtigkeit, Hamburg 2017.